Booooonjour, Maaaadame!

veröffentlicht am 16. Oktober 2012

Nach einem guten Monat hier in Madagaskar haben wir uns an das Meiste gewöhnt, was uns anfangs noch fremd, verwunderlich oder unerklärlich vorkam… Die Begaffung (naja, ist immer noch manchmal unangenehm), die von Menschen überfüllten Strassen, die nicht-existierenden Verkehrsregeln, die abenteuerlichen Taxi-be-Fahrten (die unseren Geruchsinn und unsere Beweglichkeit auf die Probe stellen), die unzähligen Möglichkeiten, sich an jeder Strassenecke irgendetwas kaufen zu können, die Gesellschaft verschiedenster Kriechtiere (Spinnen, Wanzen, Flöhe und Kakerlaken, die sogar ich mittlerweile ohne mit der Wimper zu zucken zermalme), die Kunst des Handelns, das Duschen mit einem Eimer Wasser, das Handwaschen der Kleider, die ständig schmutzigen Füsse, das harte Bett, das Kaputtgehen oder Nicht-Funktionieren soeben neu erschwungener Dinge (wir haben z.B. schon drei Schäler gekauft…), der seltsame Klang der madagassischen Sprache (die man sich nur durchs ständige Hören leider nicht aneignen kann, sondern einem dabei eher bald auf den Geist geht…;-)) und so weiter und so fort.


Während einige dieser Dinge wirklich gewöhnungsbedürftig waren, gibt es auch Dinge, an die man sich gerne gewöhnt oder die uns positiv überraschten: Die herzigen „Booooonjour-Rufe“ der Kinder in der Schule und auf der Strasse, das Essen feiner frischer Früchte wie z.B. Ananas, Mango, Papaya und Bananen (das Angebot wird sich mit Beginn der Regenzeit noch vergrössern), die eigentlich immer funktionierende Elektrizität bei uns, das schöne Wetter (wobei uns die Hitze mit dem beginnenden Sommer immer mehr zu schaffen macht), die grösstenteils zuvorkommenden und ehrlichen Leute und noch Vieles mehr. Wir sind auch froh über unser eigenes, grosses Zimmer (wo wir zur Ruhe kommen können, wobei wir Tags durch die „täubelnden“ oder singenden Kindergärtler im Nebenzimmer hören ;-)) und dass wir selber kochen und einkaufen können (die Waisenkinder hier essen nämlich tatsächlich dreimal am Tag Reis; da sind wir froh um unsere Pasta, Toastbrot, Müsli, Joghurt, Morvite und natürlich die mitgebrachte Schweizer Schokolade, die wir langsam streng rationieren müssen…). Ausserdem können wir allgemein tun und lassen, was wir wollen, was natürlich Vorteile hat, aber manchmal auch seltsam ist… Zum Beispiel werden wir höchst selten gefragt, was wir gemacht haben oder was wir vorhaben. Wir haben mittlerweile aber herausgefunden, dass uns die Leute hier nicht kompliziert finden (wie im letzten Blog vermutet), sondern wir anscheinend die Unkompliziertesten sind, die bis jetzt hier wohnten, da wir uns selber durchschlagen und man für uns nicht ständig Krokis zeichnen (naja, wir haben halt einen Stadtplan gekauft, den Marco, im Gegensatz zu mir, auch mit Erfolg einsetzen kann ;-)) oder uns durch die Stadt führen muss. Unser grosser Vorteil ist wohl, dass wir zu zweit sind, so fällt einem Vieles leichter und man probiert auch mal auf gut Glück etwas Neues aus…


Ja, die Schule hat nun endlich begonnen (am 8. Oktober)! Meinen Stundenplan erfuhr ich am Abend vor Schulanfang, jedoch nicht, was ich denn nun GENAU (vielleicht existiert dieses Wort in Malagasy gar nicht…) machen sollte. Gut, hatte ich einiges vorbereitet, denn als ich am nächsten Morgen in der ersten Klasse auftauchte (und mit „Boon-jouuur, Maaa-dame im Sprechreim begrüsst wurde), wurde mir gerade der Unterricht übertragen. Meine Aufgabe besteht von nun an darin – so wie ich das interpretiert habe, denn ich habe völlig freie Hand – verschiedenen Klassen (cours élémentaire, cours moyen, cours supérieur, cours d’observation) die Sprache des Französischen spielerisch näher zu bringen. Die Schüler, -innen sind insgesamt etwa zwischen 7 und 14 Jahre alt und wer mich kennt, weiss, dass ich nicht gerade der „Primarlehrer-Typ“ bin (wobei das jetzt nicht abwertend für diese Berufsgruppe gemeint, sondern eher eine „neidische“ Feststellung ist) und darin auch keine Erfahrung habe. So bin ich wirklich herausgefordert, aus mir herauszutreten und Dinge zu tun, die ich freiwillig eher nicht tun würde, z.B. den Kindern Lieder beibringen (wobei ich ja gerne singe, aber nicht wenn 25 Augenpaare auf mich gerichtet sind…;-)) Doch die ersten Unterrichtsstunden diese Woche haben mir gezeigt, dass es trotzdem Spass machen kann, obwohl die Schüler, -innen manchmal aus Angst oder Scheu ganz still sind oder mich nur mit grossen Augen anschauen. Andererseits gibt es aber auch hier diejenigen Kinder, die in ihrer Lebhaftigkeit fast nicht zu bremsen sind und natürlich bietet so eine "vazaha" auch ganz viel Stoff zum Tuscheln und Kichern.
Ich freue mich jetzt sehr darauf, mit den Kindern zu arbeiten, obwohl ich noch nicht wirklich weiss, wie ich vorgehen soll und die Vorbereitung sehr viel Zeit braucht, da ich ja nicht mit einem Lehrmittel arbeite, sondern mir alles selber zusammensuche oder ausdenke. (Also, wer Ideen hat, darf sich gerne bei mir melden!;-)) Ausserdem haben wohl sowohl die anderen Lehrerinnen als auch die Kinder eine andere Einstellung zur Schule als die meisten in der Schweiz. Jeder, der in Madagaskar zur Schule gehen kann, ist sehr privilegiert und man merkt, dass sich das die meisten bewusst sind und folglich auch wissbegierig sind. Ausserdem scheint nur schon die Tatsache, dass die Kinder mit einer „vazaha“ zu tun haben (unabhängig davon, wie „effizient“ mein Unterricht schlussendlich ist) eine gute Wirkung zu haben; laut der Schuldirektorin merken so die meisten Kinder vom Land zum ersten Mal, dass es Leute gibt, die kein Madagassisch verstehen und es sehr wohl etwas bringt, Französisch zu lernen.


Eine kleine Übersicht über die madagassische Ausbildungssituation findet man auf www.madaform.ch (> Vereins-Geschichte). Der Gründer dieses Vereins ist Schweizer und wir haben ihn zufälligerweise im „Café de la Gare“ (ein beliebter Rückzugsort für „vazahas“ inmitten des Stadtgetümmels) getroffen und ein spannendes Gespräch geführt. Er macht in Antsirabe (viertgrösste Stadt Madagaskars, ca. 3 Stunden südlich von Tana) eine sehr gute Arbeit, indem er Jugendlichen eine professionelle Berufsausbildung ermöglicht. Dies ist sehr hilfreich, denn wer hier „etwas werden“ möchte, muss studieren. Doch entweder fehlt das Geld dazu (wenn nicht schon für die Schule überhaupt) und man hat schlussendlich gar keine Ausbildung oder diejenigen, die es vermögen, mogeln sich irgendwie durchs Studium (mit Geld kann man sich die Diplome ja erkaufen…) und sind dann völlig inkompetent, überhaupt einen Beruf auszuüben. Wenn man hier ausserdem zuschaut, wie die Leute bauen und handwerken (hier ist einfach jeder ein „bricoleur“), dann leuchtet es einem ein, dass die Möglichkeit, eine Berufsausbildung absolvieren zu können einen grossen Unterschied machen könnte.


Zurück zur Schule. Mit jeder Klassenstufe verbringe ich 2 Stunden pro Woche und am Samstagnachmittag biete ich zusätzlich noch einen „Club de français“ und einen „Club d’espagnol“ an, der hauptsächlich für Kinder aus der Umgebung gedacht ist, die an diesen Sprachen interessiert sind und/oder sonst nicht zur Schule gehen (können). Letzten Samstag fanden diese Clubs zum ersten Mal statt und es war viel Improvisation gefragt: Erstens waren die Kinder jünger als ich gedacht hatte (und können somit weniger gut Französisch) und zweitens waren es viel mehr als ich dachte. So musste ich mein Programm spontan umstellen (was hier ja nichts Neues ist) und schlussendlich hatten wir viel Spass (vor allem das Schoggi-Spiel löste unbeschreiblichen Enthusiasmus aus…). Im „Club d’espagnol“ musste ich hingegen mit den Grundlagen anfangen und übernahm (für einmal…?) den hier ziemlich üblichen Unterrichtsstil à là „An die Tafel schreiben – Vorsagen – Nachsprechen“. Erstaunlicherweise war die Klasse für 1.5 Stunden höchst aufmerksam und einige knieten sich am Schluss sogar noch vor die Wandtafel, um alles fertig abzuschreiben… Ich bin sehr gespannt, wie sich das in Zukunft entwickeln wird und bin nun herausgefordert, den Unterricht auf diese Kinder zuzuschneiden, damit sie wirklich etwas mitnehmen können. Schön ist, die Freude und den Eifer der Kinder zu spüren (am Tag nach dem ersten Club d’espagnol hörte ich im Haus bereits die ersten Kinder Spanisch repetieren: uno, dos, tres, cuatro, cinco, …;-)).


Auch Marco ist fleissig am Arbeiten. Soweit es das Material und das Werkzeug (das er sich hier zusammengekauft hat, wobei gutes Werkzeug sehr teuer ist) bisher erlaubten, führte er Verbesserungsarbeiten an den Elektrizitäts- und Sanitärinstallationen durch. Die Sicherungskästen in den Schulgebäuden und dem Wohngebäude sind nun installiert, Kabel neu verlegt, Lampen repariert („Oh, ist es hier plötzlich hell…?“, meinten die Kinder, die ihre Hausaufgaben am Abend jeweils im Halbdunkel erledigten) etc. Weitere Aufgaben, die anstehen, sind die Herstellung von zwei Schulbänken (aus „Recycling-Holz“) und eines grossen Regals für die Verstauung von Schulmaterial sowie zahlreiche Verbesserungs- und Reparaturarbeiten an bestehenden Möbeln und Einrichtungen.


So füllen sich nun die Tage mit Vorbereiten für die Schule und Unterrichten bzw. Arbeiten, DALF-Vorbereitungskurs bzw. Französischkurs in der Alliance Française und dem normalen Organisieren und Bewältigen des Alltags (Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen etc.), was hier einfach alles komplizierter ist und mehr Zeit beansprucht. Langsam haben wir aber einen gewissen „Alltagsrhythmus“, was uns gut tut. Aufgestanden wir immer um 6.00, wobei wir jedoch schon zwischen 5.00 und 5.30 Uhr von den Kindern geweckt werden, die an jedem Wochentag um diese Zeit aufstehen (wir haben noch nicht herausgefunden warum; Ausschlafen scheint ein Fremdwort zu sein...). Die Schule beginnt schliesslich um 7.00, worüber ich sehr froh bin, da ich so auch früh wieder fertig bin und nicht in der grössten Hitze unterrichten muss – im Gegensatz zu den Kindern, die bis 17.00 durchhalten müssen.


Wir sind gespannt, wie sich alles weiterentwickeln wird… Erste Einblicke in den Schulalltag erhält ihr durch die neu hinzugefügten Fotos.

  • Nov 05 2012 5:24 PMclemi: super sach eli, nur dass ihr die Komoren nicht berücksichtigt, ist ein rechter dämpfer ;-)
  • Nov 05 2012 9:55 AMEsther: Einfach super wie ihr das macht und gratuliere fürs vicher verdrücken mit dem finger. \r\n
  • Oct 25 2012 2:46 PMKuhn Käthi : Danke, für euren Einblick in euer Leben...ich wünsche euch weiterhin ein gutes Einleben - v.a. auch in die Kultur der Madagassen...
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Unterwegs auf der RN2

veröffentlicht am 2. Oktober 2012

In Madagaskar gibt es ja grundsätzlich nicht viele Verbindungsstrassen zwischen den Städten und einige davon sind im Sommer (in der Regenzeit) gar nicht befahrbar. Vereinfacht gesagt gibt es von Tana je eine Hauptstrasse in Richtung Norden, Osten, Westen und Süden. Schon diese Strassen sind streckenweise in sehr schlechtem Zustand, weshalb es nicht verwundert, dass es innerhalb Madagaskars ein sehr enges Flugnetz von Air Madagascar gibt. Oft nehmen Reisende auch auf einem Weg die Strasse, aber auf dem Rückweg das Flugzeug, um Zeit zu sparen und nicht wieder auf derselben Strasse zurückfahren zu müssen. Wir testeten in den letzten drei Tagen die RN2 nach Tamatave (Toamasina) an der Ostküste. Diese Strasse soll eine der besten Verbindungsstrassen sein, da sie von Tana zum wichtigsten und ältesten Hafen Madagaskars führt, was u.a. aber auch zur Folge hat, dass sie zu bestimmten Zeiten (vor allem von Lastwagen) sehr stark frequentiert ist.


Nachdem wir die letzten zwei Wochen damit verbracht haben, uns einzuleben, für den Unterricht vorzubereiten (was sich leider als vergebens herausstellte, doch dazu später mehr) und uns im Dorf zu zeigen, nutzten wir kurzentschlossen die Gelegenheit, vor Schulanfang noch einen Ausflug an die Ostküste zu machen. Ursprünglich wollten wir mit dem Taxi-brousse (vollbeladene Langstreckenbusse) nach Tamatave fahren, merkten aber bald, dass dafür drei Tage zu wenig sind. Mit dem Taxi-brousse braucht man nämlich Zeit: Es gibt keine festen Abfahrtszeiten, man kann nicht einfach aussteigen, wo man möchte (bzw. vor allem das Wiedereinsteigen an nicht-offiziellen, aber für uns Touristen interessanten Stellen würde ein Problem sein) und sie fahren langsamer als ein normales Auto. Da man hier in Madagaskar auch keine Autos ohne Fahrer mieten kann (oder wir haben zumindest nichts gefunden), wählten wir die Luxusvariante und mieteten bei Priori ein Auto mit Fahrer. (Priori ist eine Organisation, die wir schon in der Schweiz kennengelernt haben. Sie führen in Basel das „Madagaskarhaus“.)


So wurden wir am Donnerstagmorgen um 7.00 von unserem Chauffeur, Pascal, bei unserem Dorf an der Kreuzung zur Hauptstrasse abgeholt (nachdem wir der madagassischen Chefin der Organisation mehrmals versichert hatten, dass wir auf dem Weg zur Kreuzung nicht ausgeraubt werden würden und ja, dass wir diesen Weg in den letzten zwei Wochen mindestens 1-2 Mal täglich zurückgelegt haben…). Uns zu erkennen war für Pascal natürlich kein Problem; er fragte uns schon am Abend zuvor am Telefon, ob er dann an dieser Kreuzung zwei „vazahas“ am Strassenrand stehen sehen würde…;-) Exactement! Wir genossen die Fahrt vom Hochland, wo sich Tana befindet, an die Küste sehr und liessen wiederum viele Reisfelder, aber auch unendlich viele Ravinala-Bäume (sozusagen der Nationalbaum Madagaskars), Flüsse und viele kleine Dörfer an uns vorbeiziehen. Einzig unsere Mägen hatten ab der kurvigen Fahrt etwas zu kämpfen und wir wagten uns gar nicht auszumalen, wie wir uns eingequetscht im Taxi-brousse fühlen würden.


Einen ersten Halt legten wir beim Chamäleon-Park ein (etwa zwei Stunden von Tana entfernt), wo Marco ein paar schöne Fotos machen konnte. Es gab dort u.a. das schwerste (ein rechter Brocken) und das längste endemische Chamäleon zu sehen und anzufassen. Die Hinfahrt legten wir in zwei Tagen zurück, da wir einen halben Tag im Nationalpark von Andasibe verbrachten, um Lemuren zu beobachten. Unter anderem sahen wir den Indri-Indri, einen schwarz-weissen Lemur, auf den die Madagassen besonders stolz sind. Pascal, unser Fahrer, war überrascht, dass wir am Mittag Madagassisch essen wollten und das CHF 1.50-Essen war für mich auch nicht mehr als ein Magenfüller. Ich weiss einfach nicht, wie ich jeweils einen Riesenberg trockenes Reis herunterbringen soll, der zudem einen eigenwilligen Geschmack hat… Das Pouletfleisch in der Bouillon sah ebenfalls speziell aus (ganz dunkel) und mehr als drei Bissen waren am Knochen nicht abzuknabbern. Preiswert war es aber allemal und wir möchten schliesslich auch gerne wissen, was die Madagassen normalerweise so essen (was zwar eigentlich kein grosses Geheimnis ist, weil ohne Reis geht gar nichts. Sogar unser Fahrer meinte, es würde ihm jeweils schon sehr fehlen, wenn er mal bei einer Mahlzeit – oder erst recht einen ganzen Tag lang! – kein Reis essen könne. Unvorstellbar…).


Andasibe hat ausser dem grossen Nationalpark nicht viel zu bieten. Es ist ein kleines, simples Dorf, das man in 10 Minuten durchlaufen hat. Hier scheinen ausserdem die Kinder weniger Scheu vor vazahas zu haben; Marco bekam prompt von einem kleinen Knirps einen Klaps auf den A...;-).
Nach einer durch den Sirenengesang der Indri-Indri begleiteten Nacht in einem einfachen Bungalow in Andasibe fuhren wir am nächsten Morgen nach Tamatave. Die Reise dorthin lohnt sich nicht in erster Linie wegen der Stadt selber, sondern wegen der vielfältigen Landschaft unterwegs, die einerseits wunderschön ist, andererseits aber auch Spuren aufzeigt, die Probleme deutlich machen. Eines davon ist die Entwaldung: Grosse Waldflächen sind von den Einheimischen bereits planlos abgeholzt worden, hauptsächlich um Holzkohle herzustellen (die in grossen Mengen sackweise am Strassenrand verkauft wird). Es ist klar, dass die Leute etwas verdienen müssen, denn seit der politischen Krise gibt es schon zu viele Kinder, die nicht mehr in die Schule gehen können, weil die Eltern wieder selbst für das Schulgeld, das Material und die Uniform aufkommen müssen. Doch unser Fahrer meinte, dass das Problem nicht nur in der Politik liege (auch wenn diese Rahmenbedingungen natürlich für Vieles ausschlaggebend sind), sondern auch in der Mentalität vieler Madagassen. Viele sind sich nicht bewusst, dass man auch richtig arbeiten muss, um etwas zu erreichen und wollen möglichst einfach zu Geld kommen. Der weit verbreitete Alkoholismus auf dem Land (wundert einem nicht, wenn man sieht, wie billig dass das Zeugs ist) und fehlende Bildung machen das Ganze auch nicht besser. So beobachten wir hier immer wieder, dass die Leute z.B. das gleiche Wasser, in dem sie baden, Kleider waschen und die Tiere tränken auch ungekocht trinken und sich der Gefahren (Bilharziose und andere Krankheiten) gar nicht bewusst bzw. nicht darüber informiert sind.


In Tamatave gönnten wir uns ein feines Fisch-Essen am Strand und flanierten danach durch den „Hier-gibt-es-alles“-Markt im Stadtzentrum. Als Erfrischung genossen wir eine Kokosnuss, da Marco mir endlich mal zeigen wollte, wie frische Kokosnüsse schmecken. Wirklich sehr erfrischend, denn das, was bei den in der Schweiz erhältlichen importierten Kokosnüssen bereits weisses Fruchtfleisch ist, ist bei den frischen Nüssen noch Saft und es gibt nur eine ganz dünne, noch glibberige weisse Schicht, die man am Schluss auslöffeln kann.
Pascal war – wie wir uns es mittlerweile von den Einheimischen gewöhnt sind – überrascht, dass wir selber durch die Stadt laufen und nicht nur durchgefahren werden wollten. Obwohl wir hier immer die „reichen vazahas“ sein werden und folglich auch eine gewissen Vorsicht walten lassen müssen, wollen wir uns auch dort bewegen, wo sich die Einheimischen bewegen und nicht immer Sicherheitsabstand halten. Wir haben bisher auch die Erfahrung gemacht, dass die Madagassen grundsätzlich ehrliche und zuvorkommende Leute sind und den vazahas eher alles recht machen wollen (ausser vielleicht den Amerikanern, die nach Meinung der Einheimischen die „gendarmes du monde“ spielen und durch ihren wirtschaftlichen Boykott für die momentane Krise massgeblich mitverantwortlich sind). Bisher waren wir nur einmal in einer unangenehmen Lage, als wir im Stadtzentrum Tanas plötzlich von Bettlern umzingelt waren, die uns anfassten und an unseren Taschen zerrten, sodass wir schnell Reissaus nahmen. Doch dies ist eher die Ausnahme; Menschen mit guten und solche mit bösen Absichten gibt es schliesslich überall und man soll natürlich nichts provozieren. Ausserdem sollte man sich vielleicht auch selber fragen, was man machen würde, wenn man durch die Krise gerade seinen Job verloren hat, seine Kinder nicht mehr zur Schule schicken bzw. wenn überhaupt noch ernähren kann...


Nach einem feinen Nachtessen in Tamatave zurück in der Unterkunft wurde unsere Nachtruhe von einer bis in die frühen Morgenstunden dauernden Party am Strand gestört. Als uns trotz vorabendlicher Zusage am nächsten Morgen kein Morgenessen serviert wurde, machten wir um 6.30 einen Strandspaziergang und verliessen bereits um 7.30 das von Pousse-pousses vollgestopfte Tamatave (Es gibt hier garantiert mehr Pousse-pousses als Autos). Da es nun im Gegensatz zur Hinfahrt wunderschönes Wetter war, genossen wir die Landschaft umso mehr und lernten, dass Hupen hier mindestens vier Bedeutungen haben kann: „Achtung, ich überhole dich gleich.“, „Aus dem Weg!“, „Danke!“ und „Bitte!“ Da fanden wir das südafrikanische Warnblinken für „Bitte“ und „Danke“ doch etwas gehörschonender. In Küstennähe kauften wir am Strassenrand noch eine Art Himbeeren, die einem überall entgegengestreckt werden.


Das Mittagessen nahmen wir in Moramanga ein; asiatisch zubereitetes Poulet mit (rate…?) Reis. Es schmeckte aber super, da es immerhin Sauce dazu gab. Übrigens ist asiatisches Essen hier weit verbreitet, da die Leute von der Hochebene asiatischer (indonesischer) Abstammung sind. Die Leute an den Küsten sind hingegen afrikanischer Abstammung. Diese Unterschiede sind natürlich auch am Äusseren gut zu erkennen und es ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, in einem afrikanischen Land so viele Leute zu sehen (v.a. bei uns in Tana, da wir ja auf der Hochebene sind), die man geradesogut in Asien antreffen könnte. Die vielen Reisfelder und das Essen tragen zu diesem asiatischen Touch noch zusätzlich bei. Insgesamt gibt es in Madagaskar 18 Volksgruppen, wobei die in Tana und Umgebung ansässigen Merina mit indonesisch-malaiischer Abstammung die am stärksten vertretene Gruppe darstellt (ca. 26%).
Einen weiteren Halt legten wir in Mangoro ein, wo Marco und ich eine Stunde dem Fluss entlangliefen. Doch bald wurde es uns zu heiss (es wird nun eindeutig Sommer hier) und wir fuhren weiter nach Tana, wo wir noch vor Einbruch der Dunkelheit ankamen; insgesamt ein sehr gelungener „Kurzurlaub“, der uns Lust darauf gemacht hat, noch mehr von Madagaskar zu entdecken.


Doch zuerst zurück in die „Realität“. In einer Woche fängt in der „Ecole de Demain“ der Unterricht an und ich muss aufgrund unklarer Kommunikation, eines Missverständnisses oder was auch immer mit dem Vorbereiten wieder von vorne beginnen. Es ist manchmal sehr schwierig, mit den Leuten hier zu kommunizieren. Sie sind zwar sehr nett, doch machen eigentlich nie den ersten Schritt zu etwas. Wir glauben, dass dies auch kulturell bedingt ist, da uns gesagt wurde, dass die Madagassen dazu tendieren, sehr indirekt zu kommunizieren. Wahrscheinlich müssen wir uns einfach daran gewöhnen, auf sie zuzugehen und so Genaueres über unsere Aufgaben herauszufinden, auch wenn das manchmal Überwindung kostet. Wir hoffen aber, dass sich die Kommunikation noch verbessert, wenn sie merken, dass wir nicht so kompliziert sind, wie sie vielleicht denken und wir weiterhin offen bleiben, anstatt uns davon frustrieren zu lassen. Ein weiterer Grund ist wahrscheinlich, dass sie selbst sehr beschäftigt sind und aufgrund der Krise schauen müssen, dass sie die Schule überhaupt wieder zum Laufen bringen (viele Kinder müssen mit der Schule aufgrund fehlender Finanzen aufhören, Lehrer streiken überall, der Staat hat keine Gelder mehr zur Unterstützung der Schulen etc....). Wir hoffen, mit der Zeit noch einen tieferen Einblick in diese Situation zu gewinnen, dann werden wir sicher auch mehr verstehen.


Diese Woche werde ich folglich hauptsächlich zur Unterrichtsvorbereitung nutzen und Marco wird schauen, wo er bei der Elektrizität mit wenig Material fortfahren kann. Wir sind gespannt, wie es wird, wenn hier der Schulalltag losgeht. Einen kleinen Vorgeschmack haben wir bereits, weil die Waisenkinder nun wieder hier wohnen. Da sie ihren Schlafsaal oberhalb unseres Zimmers haben, rufen sie uns beim ins Bett gehen jeweils eine(r) nach dem/r anderen „Bonne nuit“ durch die Türe zu.;-)
Heute, Montag, stürzten wir uns jedoch nochmals ins Stadtgetümmel, da wir noch einiges zu erledigen hatten. Als Erstes fuhren wir mit dem Bus zur Alliance Française, um uns über den Kursplan zu informieren, der heute veröffentlicht wurde. Vor zwei Wochen hatten wir uns bei der Alliance eingeschrieben (ich für einen Vorbereitungskurs für das DALF C2, das ich für mein Studium brauche, und Marco für einen Anfängerkurs Französisch), was aufgrund der komplizierten Organisation bereits ein ziemliches Unterfangen war. Es wurde mir mitgeteilt, dass ein Nachmittags- und ein Abendkurs (2 x wöchentlich) für das DALF stattfindet und ich meldete mich für denjenigen am Nachmittag an, da uns abgeraten wurde, uns in diesem Quartier bei Dunkelheit noch zu bewegen. Tatsächlich macht die Umgebung der Alliance einen noch schäbigeren Eindruck als das Stadtzentrum. Da der Kurs jeweils montags und freitags stattfindet, sollte er bereits heute das erste Mal stattfinden, weshalb wir nach einer kleinen Einkaufstour und einem Mittagessen in der Nähe wieder zur Alliance zurückkehrten. Vor dem entsprechenden Saal sprach mich sofort eine andere „vazaha“ an (Weisse sind auch in der Alliance Française äusserst rar) und fragte, ob ich auch den Madagassisch-Anfängerkurs belege. Gerne hätte ich ja gesagt, aber da ich das DALF machen muss, liegt das leider nicht auch noch drin… Im für den DALF-Kurs vorgesehenen Raum stiess ich leider auf keine anderen Kursteilnehmer (sondern störte eine mündliche Prüfung) und mir wurde mitgeteilt, dass der DALF-Kurs noch nicht geöffnet ist, da ich momentan noch die einzige bin...


So machten wir uns nun auf die Suche nach Materialien für Marcos Arbeit. Auf dem Weg in die Stadt entdeckten wir zufälligerweise einen (touristischen) Kunsthandwerkmarkt, wo ich mir schöne Flipflops (madagassischer Herkunft und nicht die chinesische Importware, die man sonst überall findet) kaufen konnte, damit ich am Sonntag im Gottesdienst einen etwas weniger schäbigen Eindruck mache (man putzt sich nämlich jeweils richtig heraus dafür, doch direkt nach dem Gottesdienst wird wieder umgezogen). An unserem ersten Sonntag hier wusste ich das noch nicht und tauchte mit Hosen und Faserpelz (es war so kalt!) auf, was natürlich ein absolutes No-go war… Der Weg von der Alliance Française in die Innenstadt führte uns durch einen riesigen Markt, wo man einfach alles erhält (es fragt sich teilweise nur zu welcher Qualität…). Wir machten uns auf die Suche nach Kabel, Lampen, Sicherungskästen etc. Vollbeladen nahmen wir schliesslich das Taxi nach Hause. Hier wird der Preis immer ausgehandelt, bevor man einsteigt und da diesmal zwei Taxifahrer um uns stritten, wollten sie sich gegenseitig unseren Sixpack Wasserflaschen aus den Händen reissen und in ihr Auto transportieren.;-) Schliesslich gewann der eine und wir kamen nach 7 Stunden in der Stadt (es ist unglaublich, wie viel Zeit hier alles braucht; an das Wort „Effizienz“ darf man gar nicht erst denken…) wieder in unserem Zuhause an.

 

  • Nov 05 2012 7:07 AMpfaff: Hey Bueffels! Gseht Hammer us doett une! Schoeni Ziit und bis denn!\\r\\nGruess us OZ!!
  • Oct 10 2012 9:15 AMMami und Papi: Einfach schön zu lesen wie ihr euch zu recht findet und euch der lokalen Situation anpasst. Das macht ihr Super. Der Herr bewahre euch Love you
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