Panamá: nicht ganz so anders, aber doch nicht gleich

veröffentlicht am 20. März 2013

Seit fast drei Wochen sind wir nun von Ecuador zurück und mittlerweile haben wir uns gut in Volcán eingelebt, was gar nicht so radikale Umstellungen mit sich brachte wie in Madagaskar.  Wir wohnen zusammen mit drei anderen Kurzzeitmitarbeitern (einem Holländer und einem amerikanischen Paar in unserem Alter) in einem Haus, wo wir unser eigenes Zimmer mit Badezimmer, eine Waschmaschine und Tumbler (ein unglaublicher Luxus, was zur Folge hat, dass jeweils ganze Scharen anderer OM-Mitarbeiter bei uns ihre Wäsche waschen kommen), sowie einen schönen Garten vor dem Haus, den es zu pflegen gilt (bis jetzt hat sich nur Marco zum Jäten berufen gefühlt).

Durch den „Umzug“ von Madagaskar nach Panamá hat sich also (erwarteterweise) wieder einiges verändert und nach der extremen „Fremdheit“ und „Andersheit“ Madagaskars (die wir jetzt im Nachhinein trotz allen Herausforderungen, die es mit sich brachte, sehr schätzen kennengelernt zu haben), scheint hier Vieles „normal“ zu sein oder vielleicht sind wir einfach schon ein bisschen „abgestumpft“, so dass uns eine ziemlich ruckelige Pick-up-Fahrt, Stromausfälle, „flexible“ Termine, exotische Früchte und Gerichte (Ahhh, Koriander mischen sie auch hier ganz gemein fast in jedes Gericht!) nicht mehr aus den Socken hauen . Natürlich ist Panamá aber nicht die Schweiz und vor allem können wir bisher nur von wenigen Gegenden aus eigener Erfahrung sprechen, da wir noch längstens nicht alles gesehen haben. Reden wir aber nun von Volcán, da wohnen wir schliesslich, so kann man wirklich von einem ruhigen, idyllisch gelegenen Dorf (von der Ausdehnung her vielleicht auch Stadt, was aber nur daran liegt, dass die Häuser alle eher weit auseinander liegen, da sie mit zum Teil weitläufigem Grundstück eingezäunt sind) sprechen. Diese Ruhe wird nur ab und zu von kleinen Erdbeben (bis jetzt Gott sei Dank nur wenige Sekunden lang, aber trotzdem deutlich zu spüren), den an jedem Tag durch unser Quartier fahrenden Gemüseverkäufer mit Megafon und den in der Nacht heulenden Strassenhunden (leider sind diese Tags durch nicht so lahm wie diejenigen in Madagaskar...) unterbrochen. Völlig aussergewöhnlich für Volcán und vor allem tragisch ist ein Vorfall von letzter Woche: Ein in der USA gesuchter Massenmörder brachte eine seit mehreren Jahren in Volcán lebende Amerikanerin um und ist hier anscheinend immer noch auf freiem Fuss; nicht gerade beruhigend zu wissen.

Wie in Madagaskar kaufen wir aber auch hier unser Gemüse direkt bei einem Gemüsestand (okay, hier ist es schon ein kleiner Laden), unsere Verhandlungskünste können wir hier aber leider nicht demonstrieren. Wenigstens kann aber meine „Sucht“ nach frischer, süsser Ananas gestillt werden. Ein grosser Unterschied zu Madagaskar besteht darin, dass diese Einkaufsmöglichkeit, als auch einer der vielen Supermärkte in Volcán (nur dass es diese überhaupt schon überall gibt, ist ein riesiger Unterschied an sich!), nur ca. 300 Meter von unserem Haus entfernt liegen und dass man eigentlich alles erhält, was man möchte (was in Madadagaskar oft gar nicht möglich war oder gut und gerne ein paar Wochen dauerte, bis man herausfand in welchem entfernten Winkel man etwas auftreiben kann. Wollte man ausserdem Nicht-China-Ware, so wurde es erst recht knifflig). Ich zähle jetzt keine weiteren Unterschiede mehr auf, denn dann könnte ich noch lange fortfahren… Ausserdem sollen diese Unterschiede nicht als wertend verstanden werden, denn eigentlich ist es eben gerade spannend, dass jedes Land seine eigenen Besonderheiten bietet. Nichtsdestotrotz kann man natürlich objektiv feststellen, dass Madagaskar eines der ärmsten Länder der Welt ist und in vielen Bereichen, nicht zuletzt aufgrund der aktuellen politischen Krise, mehr Rückschritte als Fortschritte macht, während Panama eindeutig auf der aufstrebenden Schiene (vor allem im Tourismus-Bereich) fährt.

 

Einige fragten uns bereits, was wir denn in den letzten Wochen hier bereits gemacht haben oder was unsere Aufgaben sind. Wirklich eine gute Frage! Wir stellten uns dieselbe Frage in den ersten Wochen auch fast jeden Tag…;-) Nein, das ist jetzt etwas überspitzt gesagt. Eigentlich wissen wir ungefähr, was unsere Aufgaben in Zukunft sein sollen, aber sie brauchen noch etwas Planung und Koordination vonseiten unserer Organisation. Für Marco gibt es auf alle Fälle sehr viel zu tun. Die Kirche, mit der OM zusammenarbeitet, wird dieses Jahr neu aufgebaut, da sie zu klein (und zu alt) wurde. Gleichzeitig wird auf diesem Grundstück ein comedor gebaut, der 150-200 bedürftigen Kindern aus der Umgebung einen Ort bieten soll, wo sie einmal täglich eine warme Mahlzeit einnehmen und sich wohl und geborgen fühlen können. Auch allen anderen Leuten, die nach einem „Zufluchtsort“ oder Hilfe suchen, wie Prostituierten, Alkoholikern, Drogensüchtigen soll dieser neue Ort im Sinne des Mottos der Kirche un lugar para todos (ein Ort für alle) ein „Zuhause“ sein. Marco half also bereits an mehreren Tage mit dem Abbruch der alten Kirche, hauptsächlich mit den Holzkonstruktionen, um dieses Holz auszusondern, zu bearbeiten (Nägel herausziehen, hobeln, zuschneiden etc.), um es wiederverwenden zu können. Das Ziel ist, dieses Holz für den Bau eines kleinen Holzhauses zu verwenden, dessen Realisierung Marco übertragen wurde. An manchen Tagen half ich Marco bei seiner Arbeit, sonst konzentrierte ich mich bis jetzt hauptsächlich auf mein Spanisch (mit einer Lehrerin), um mich für die DELE-C2-Prüfung vorzubereiten, die ich für mein Studium brauche. Auch Marco nimmt zweimal pro Woche zusammen mit dem Holländer Spanischstunden und macht schnell Fortschritte. Sein Englisch kommt ihm hier aber auch sehr zu Gute, da alle bei OM sehr gut Englisch sprechen und er sich so trotzdem schon seit Anfang immer gut verständigen kann.

Was das Klima hier betrifft, so ist es relativ angenehm hier, da Volcán auf 1400 M.ü.M. liegt. Es ist meistens sonnig und trücken, während es in der ca. eine ¾ Stunde entfernten Hauptstadt unserer Provinz Chiriquí, David, stickig heiss ist und wir jeweils immer wieder froh sind, von dort nach Volcán hoch zu fahren. Einzig etwas mühsam ist der häufige und oft sehr starke Wind in Volcán. Ausserdem haben wir es bisher sowieso noch gut, da die Regensaison erst im April anfängt (was ja in Madagaskar nicht so eine zuverlässige Angabe war…).

 

Nebst unseren, bis jetzt relativ raren regelmässigen Alltagsaufgaben (langweilig wurde es uns aber bisher trotzdem noch nie), hatten wir in den letzten Wochen trotzdem schon ein paar spezielle Events. Vorletzten Samstag sassen wir den ganzen Tag bei brütender Hitze (sogar die Latinos holten sich trotz Sonnencrème einen Sonnenbrand!) vor dem grössten Supermarkt in Volcán und verkauften von Läden gespendete Sachen, um Finanzen für den Bau der Kirche und des comedors zu generieren. An einem anderen Tag halfen wir spontan bei einem Kinderprogramm mit, das die Teilnehmer einer momentan bei OM stattfindenden Schulung durchführten. Das war toll, da um die 40 Kinder aus der Umgebung kamen und wir viel Spass hatten. Oft sind die teilnehmenden Kinder (bisher fand dieses Programm einmal monatlich statt, sobald die Kirche fertiggestellt ist, soll es jedoch jede Woche stattfinden) etwas verwahrlost und auch sehr anhänglich, da bei vielen die Eltern wohl den ganzen Tag, wenn nicht die ganze Woche, ausser Haus am Arbeiten sind.

Letztes Wochenende verbrachten wir mit einer Gruppe von zehn OM-Mitarbeitern eine Nacht im nur ca. 1 Stunde entfernten Regenwald. Es tat gut, dort etwas auszuspannen (naja, wirklich nötig hatten wir das ja noch nicht), die Natur zu geniessen und „Jungle Speed“, „Dog“ und „Ligretto“ bis zum ins Bett Fallen zu spielen.

Am vergangenen Dienstag gingen wir mit einer Gruppe mit nach David, wo OM momentan verschiedene Aktivitäten startet. Es ist geplant, dass wir ab jetzt jeden Dienstag mit einer kleinen Gruppe nach David gehen, um zuerst Aidskranke zu besuchen und danach werden wir für die Leute, die auf der Abfallhalde der Stadt leben, eine Art Gottesdienst halten. Am Dienstag waren Marco und ich also zum ersten Mal bei diesen zwei Aktivitäten dabei und werden in Zukunft mehr in die Programmplanung und –durchführung involviert sein. Die Abfallhalde in David ist nicht so riesig und es leben nicht so viele Leute dort (ca. 60), wie wir es vielleicht von anderen Ländern schon gehört haben, aber trotzdem sind es natürlich widrige Lebensumstände mit wenig Perspektiven daraus auszubrechen. Normalerweise wollen sie auch keine Leute empfangen auf der Müllhalde, doch einer unserer Mitarbeiter hat zu einem der Bewohner einen Draht gefunden, so dass wir kommen dürfen. Fotos dürfen wir aber (verständlicherweise) nicht machen von ihnen; viele schämen sich für ihren „Arbeits- und Wohnort“… Leider sind an solchen Orten auch der Alkoholismus und verschiedene Krankheiten ein Problem. Die Leute schienen aber an unserem gestrigen, ersten Programm (bestehend aus Sketches, einem kurzen Input, Lieder singen etc.) interessiert zu sein und nahmen auch das am Schluss angebotene arroz con pollo dankbar an. So sind wir gespannt auf die nächsten Male und hoffen, den Leuten Sinn und Hoffnung geben zu können, auch wenn wir auf ihre praktischen Lebensumstände nur sehr beschränkt Einfluss nehmen können…

 

Diesen Freitag fliegen wir von Costa Rica aus mit einer grossen Gruppe für ca. eine Woche nach Honduras, um an einer Osterkonferenz von OM teilzunehmen. Viel mehr wissen wir auch noch nicht…;-), aber wir werden euch dann berichten!

 

  • Jan 02 2016 8:06 PMMaryellen: Wasap lads come play on server list for minecraft 1.8 with streamers
  • Mar 21 2013 9:18 AMSäräli: Hallo Ihr Liäbä, han äbä dä neui Bricht gläsä und es paar Fötälis vo Südamerka ahgluägät; umwerfend schön! Liäbschti Grüäss
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Von Panama-Stadt nach Quito, in die Selva und wieder zurück

veröffentlicht am 3. März 2013

Nach einem kurzen Flug landeten wir am 11. Februar in Quito, wo wir sogleich ein Taxi zum Busterminal nahmen, wobei unsere in Madagaskar erlernten Verhandlungsfähigkeiten wiedermal zum Zug kommen konnten. Die Fahrt führte auf die andere Seite dieser riesigen Stadt, die auf gut 2800 M.ü.M. liegt. Im äusserst modernen Busterminal (so was hätte ich in Madagaskar gerne gesehen!) kauften wir ein Ticket nach Latacunga, wo wir knapp zwei Stunden später bereits ankamen. Diese Stadt ist wohl nicht gerade die schönste Ecuadors oder vielleicht hätte sie uns etwas besser gefallen, wenn wir nicht eine Stunde lang den schweren Rucksack durch die Stadt hätten tragen müssen auf der Suche nach einem günstigen Hostal und wenn wir dabei nicht noch ständig von „schaumsprühenden“ Kindern und Erwachsenen in Carnaval-Laune hätten fliehen müssen (was uns leider nicht immer gelang). Ausserdem war das Wetter nicht gerade toll bzw. gerade ziemlich kalt und garstig (natürlich nicht im Vergleich zum Schweizer Winter, aber im Vergleich zu Panama und Madagaskar allemal!) und so konnten wir leider auch den naheliegenden, fast 6000m-hohen Cotopaxi-Vulkan nicht sehen. Aber alles nur halb so schlimm; wir fanden schliesslich eine Unterkunft, schlenderten nochmals durch die Stadt (es gibt doch noch eine Art „historischer Kern“) und hatten ein feines Nachtessen. Für den folgenden Tag hatten wir die „Laguna de Quilotoa“ auf dem Programm, die wir ohne vorherige Planung mit Bus und „camioneta“ problemlos erreichten. Das Wetter war uns wiederum nicht sehr gnädig gestimmt, aber die riesige, in einem Vulkankrater gelegene Lagune war trotzdem schön. Man konnte bis zur Lagune hinabsteigen und schliesslich natürlich wieder hinauf, was uns auf den 4000 M.ü.M. doch ziemlich ins Schnaufen brachte. Man hätte auch auf einem Esel wieder hochreiten können, aber das liess unser stolzes Schweizer Wanderherz natürlich nicht zu.;-) Mit dem Bus ging‘s von Zumbahua in ca. zwei Stunden wieder zurück nach Latacunga, wo Marco sogleich eine ziemlich komplette Carnaval-Schaumdusche erhielt. Als Revanche sprayte er die „Täterin“ mit ihrer eigenen Dose ein, was sie dann aber nicht mehr so lustig fand…

Am nächsten Morgen nahmen wir den Bus weiter südlich nach Baños. Einfach herrlich, wie unkompliziert und günstig das Reisen hier mit dem Bus ist (nachdem man sich jeweils durchgefragt hat) und wie viele Verbindungen es gibt. Die Armut und Unterentwicklung Madagaskars erscheint uns jetzt noch viel erdrückender, wenn wir sehen, wie viel mehr es in so vielen Bereichen in anderen Entwicklungsländern gibt… Baños ist ein ziemliches Touristenzentrum und es wimmelt geradezu von Hostales, Restaurants und Lädeli. Die Stadt ist schön zwischen Bergen, Hügeln und Schluchten mit Wasserfällen gelegen, den (immer noch aktiven) Vulkan Tungurahua sahen wir jedoch aufgrund der hartnäckigen Wolken nicht. Da wir bereits am Mittag ankamen, machten wir am Nachmittag noch eine Wanderung, die uns zu einem Aussichtspunkt für den Vulkan hätte führen sollen, aber eben, die Wolken… Wenigstens die Sicht über Baños war tadellos. Der nächste Tag empfing uns erneut mit düsterem Wetter, wir machten uns aber nichtsdestotrotz mit den Mountainbikes auf die „Ruta de Cascadas“ (Wasserfallroute), was sich – obwohl wir aufgrund des Regens und fehlender Schutzbleche bald von oben bis unten mit Strassendreck vollgesprenkelt waren – auf alle Fälle gelohnt hatte. Praktisch eder Wasserfall auf dieser Route ist ziemlich imposant und bei einigen Wasserfällen gibt es schöne Rundwege zu Fuss. Da wir von Baños aus praktisch immer nur abwärts gefahren waren, beschlossen wir, dass wir uns den Nachhauseweg nicht mehr antun wollen (v.a. auch da ein grosser Teil der Route auf einer viel- und schnellbefahrenen Strasse verläuft) und liessen unsere Bikes auf einen Pickup laden. Zurück in Baños nahmen wir dann aber doch noch einen steilen Hügel in Angriff und genossen die tolle Aussicht (leider immer noch ohne Vulkan).

Am folgenden Tag ging‘s über Riobamba direkt nach Cuenca zu Valentin. Aufgrund eines Missverständnisses und nicht-funktionierender Handy-Kommunikation fanden wir Valentin bei unserer Ankunft am Busterminal nicht vor und warteten schliesslich auch vergeblich vor seiner Wohnung.  Da es dunkel wurde, suchten wir ein Hostal in der Nähe auf und ein bisschen später tauchte dann auch Valentin mit seiner Freundin, Priscila, auf und wir gingen zusammen Nachtessen. Cuenca ist eine schöne (wahrscheinlich die schönste Ecuadors) und auch ziemlich sichere Stadt und es gibt viele schöne Plätze, Kathedralen und gute (& günstige) Restaurants und Bars. Da am 17. Februar Präsidentschaftswahlen stattfanden, galt in den Tagen davor das „ley seca“ (trockenes Gesetz), d.h. es gab nirgends Alkohol zu kaufen oder zu konsumieren. Ausserdem mussten für die Wahl alle Ecuadorianer an ihren Heimatort reisen. In den drei Tagen in Cuenca lernten wir die Stadt etwas kennen, besuchten das Panama-Hut-Museum (die zwar so heissen, aber in Ecuador hergestellt werden) und machten an einem Tag eine Exkursion in den El-Cajas-Nationalpark, die sich schlussendlich als 8-stündige, extrem anspruchsvolle Wanderung herausstellte. Am Anfang war alles ganz harmlos und die hügelige Landschaft mit vielen Lagunen auf 4000 M.ü.M. zog uns in ihren Bann. Da wir bei der ersten Abzweigung gut in der Zeit lagen, entschieden wir uns für den längsten Weg, der als „difícil“ bezeichnet war. Zuerst dachten wir, dass sei wiedermal etwas übertrieben, denn ausser der Gefahr, ständig im Matsch einzusinken, war der Weg vorerst nicht anspruchsvoll. Doch nach 3,4 Stunden mussten wir einen eigentlich nur kleinen Wald entlang einer grossen Lagune durchqueren und nun wäre sogar das Prädikat „muy difícil“ mehr als angebracht gewesen. Aufgrund der Regenfälle in den letzten Tagen war alles extrem rutschig und wir stiegen mühsam über Wurzeln und Äste, während wir extrem aufpassen mussten, nicht auszurutschen oder tief im Schlamm zu versinken (was wir aber alle nicht vermeiden konnten). Wir hofften, nach diesem Wald das Gröbste überstanden zu haben, als aber bald ein steiler Abstieg in einem anderen Waldstück vor uns auftauchte, war uns klar, dass uns langsam die Zeit ausging, um noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang den Parkausgang wieder zu erreichen. Regelmässig sanken wir wadentief im Schlamm ein, mussten Wasserlöcher so gut wie möglich ausweichen und waren froh, wenn ein Ast oder eine Liane zur Verfügung stand, die uns wenigstens ein bisschen Halt gaben. Nach gut 8 Stunden erreichten wir schliesslich ziemlich kaputt und von oben bis unten mit Schlamm bespritzt den Parkausgang, wo wir blöderweise auf den Parkwächter trafen, der uns anschnauzte, weil wir den Park eigentlich schon vor einer Stunde hätten verlassen müssen und wir uns nicht registriert hatten (das hatten wir tatschlich vergessen, doch wie wir gehört hatten, würde das bei einem Problem auch nichts nützen, da sie sowieso nicht kontrollieren, wer zurückgekommen ist). Wenigstens mussten wir an der Hauptstrasse angekommen nur einmal den Daumen rausstrecken, bis uns ein Pick-up nach Cuenca mitnahm.

Den folgenden Tag verbrachten wir gemütlich in Cuenca: Frühstück in Valentins Wohnung, durch die Stadt schlendern, Glacé essen und schliesslich alles packen für die nächtliche Busfahrt nach Tena, wo Valentin vor einem Jahr in einer Aufforstungsstation sein Praktikum absolviert hatte. Abfahrt war um 20.30 und es folgte eine Umsteigeaktion um 2.00 morgens in Ambato, wo wir schlaftrunken dem Bus nachrennen mussten, der soeben abgefahren war. Gut, haben sie nie etwas gegen zusätzliche Fahrgäste und wir konnten uns noch auf die hintersten Sitzplätze quetschen. Früh morgens trafen wir in Tena ein und suchten bei strömendem Regen unser Hostal für die kommenden zwei Nächte auf, wo Valentin noch Freunde von seinem letzten Aufenthalt traf. Am folgenden Tag ging’s mit dem Bus in ein zwei Stunden entferntes Dorf (MIsahualli), wo man eine wildlebende Affenkolonie beobachten (und aufpassen muss, nicht beklaut zu werden) und im Fluss baden kann. Den Tag liessen wir schliesslich in der berühmt-berüchtigten Araña-Bar 

 

in Tena ausklingen, wo es die besten Cocktails weit und breit gibt. Den letzten Tag vor unserer Abreise nach Coca nutzten wir, um den ehemaligen Arbeitsort Valentins im Regenwald zu besuchen, was aufgrund des vielen Regens in den letzten Tagen zu einem kleinen 

Abenteuer wurde. Mehrere Flüsse mussten überquert werden, zuerst mit dem Auto, dann zu Fuss (wobei das Wasser richtig schön oben in die Gummistiefel laufen konnte) und auch mit einer Art Bähnchen über den Fluss. Der Weg an sich glich ausserdem einem Bach und mit der Zeit suchte man sich keinen mehr oder weniger trockenen Weg mehr, sondern lief einfach geradeaus durch den Schlamm und das Wasser. Gegen Mittag kamen wir bei den Unterkünften der Freiwilligenarbeiter an, mussten uns aber um 15.00 schon wieder auf den Rückweg machen, um vor Einbruch der Dunkelheit Tena zu erreichen. Als Belohnung gab’s dann am Abend einen feinen Cocktail in der Araña-Bar…;-)

Am nächsten Morgen fuhren wir weiter nach Coca, eine eher hässliche Stadt im Osten Ecuadors, die aber den Ausgangspunkt für unsere Exkursion in den Yasuní-Regenwald bildete. Nachdem wir einen halben Tag in Coca verbracht und vergeblich nach etwas 

Geniessbarem zu Essen gesucht hatten (das „unanmächelige“ Fleisch, das Priscila und Valentin schliesslich als Notlösung assen, sorgte in den folgenden Tagen für Magenprobleme…), waren wir nicht unglücklich, uns am nächsten Tag in Richtung Yasuní aufzumachen. Zuerst ging’s mit der „chiva“ (eine Art Truck-Bus) auf der „Vía Auca“ bis zu einem Ausgangspunkt am Fluss Shiripuno, wo wir auf das Kanu umstiegen. Diese Strasse wurde in den 60-er Jahren von einer Ölfirma quer durch den Urwald geschlagen (und endet nach ca. 100 km in einer Sackgasse), nachdem im Territorium der Huaorani massive Ölvorkommen gefunden wurden, an dessen Gewinn die Huaorani natürlich nicht mit einem Dollar beteiligt wurden und keine Chance hatten, gegen das Vordringen in ihr Gebiet vorzugehen. Unsere Exkursion führte uns also ebenfalls in das Gebiet der Huaorani, deren erster nicht-kriegerischer Kontakt mit der Aussenwelt erst 1958 stattfand, als die amerikanische Missionarin Rachel Saint den Stamm erreichte (nachdem 1956 ihr Ehemann und vier weitere Missionare von den Huaoranis getötet worden waren). In den letzten fünf Generationen vor ihrer Entdeckung durch die Aussenwelt war die häufigste Todesursache des Stammes sie selbst: Laut einer Statistik wurden über 40% der Huaorani von eigenen Stammesangehörigen umgebracht (aufgrund von Konflikten zwischen Clans des Stammes, die auf einer Tradition der Blutrache basieren). Darauf folgen die Säuglingssterblichkeit, Krankheiten, Ermordung durch Dritte, Schlangenbisse etc. Nur etwa 1% der Huaorani starb damals altersbedingt. Durch den Kontakt mit der Aussenwelt sind die meisten Huaorani sesshaft geworden, es gibt jedoch mehrere Gruppen (z.B. die Tagaeri), die sich abgespaltet haben und ohne Kontakt zur Aussenwelt leben und leben wollen, weshalb sie sich immer weiter ins Amazonastiefland zurückgezogen haben. Dort wurde 2007 eine sogenannte „zona intangible“ (unberührbare Zone) eingerichtet, in die Erdölfirmen und Holzfäller keinen Eintritt haben. Die Bedrohung der nach wissenschaftlichen Studien höchsten Artenvielfalt der Welt (ein Beispiel: auf einem Hektar des Yasuní wurden 664 verschiedene Baumarten identifiziert; mehr als in den gesamten Vereinigten Staaten und Kanada zusammen) sowie der dort lebenden Stämme ist jedoch immer noch akut, da immer noch riesige Erdölreserven im Yasuní-Gebiet liegen, deren Ausbeutung mit der sogenannten ITT-Initiative versucht wird zu verhindern. Leider scheint diese historisch einmalige Initiative zu scheitern (> mehr Infos dazu z.B. hier: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/yasuni-in-ecuador-das-regenwald-projekt-ist-gescheitert-a-869476.html

Auf die Huaorani komme ich später wieder zurück, nun zuerst zu unserer 5-stündigen Kanufahrt zu unserer Dschungel-Unterkunft auf dem sich durch den Urwald schlängelnden Shiripuno-Fluss. Naja, dafür hatten wir definitiv nicht den besten Tag erwischt: Der REGENwald machte seinem Namen alle Ehre, denn der Regen prasselte während der ganzen Fahrt erbarmungslos auf uns nieder. Da war es Marco und mir ziemlich egal, dass uns alle wegen unseren Regenschirmen auslachten, denn schlussendlich waren wir die einzigen, die nicht bis auf die Knochen durchnässt und (aufgrund des Fahrtwindes) durchfroren waren. Die folgenden vier Tage fasse ich kurz zusammen, da diesen Eintrag sonst wohl niemand mehr zu Ende lesen wird…;-) Jeden Tag (manchmal auch noch in der Nacht) ging’s ab in den Dschungel (unserer Meinung nach leider etwas zu wenig schnell und zu wenig weit), meistens teilweise zu Fuss (natürlich in Gummistiefeln), teilweise im Kanu. Dabei liessen wir uns über zahlreiche angetroffene Pflanzen- und Tierarten lehren und begannen, auf die vielen Geräusche und Gerüche in dieser Umgebung zu achten. Zu Marcos grosser Enttäuschung trafen wir leider nie auf eine Anakonda, jedoch auf viele andere Tiere, wie z.B. Kaimane, Wasserschildkröten, farbenfrohe Tukane und Papageie, Spinnen (u.a. eine haarige Tarantel), verschiedene Affenarten, ein Wasserschwein (grösstes Nagetier der Welt), Frösche und zahlreiche Insektenarten… Da es immer mal wieder regnete und man auch nicht ununterbrochen im Dschungel rumlatschen kann, hatten wir auch viel Zeit, um schlafend oder lesend in der Hängematte zu hängen, Spiele zu spielen und ab und zu etwas Rum zu trinken (natürlich nur um die Insekten fern zu halten). Ausserdem bot uns unser „überenthusiastische“ und zur extremen Ausschmückung (um jetzt nicht von massloser Übertreibung zu sprechen) neigende Guide zu unser ständigen Erheiterung bei. Wir konnten wirklich nicht mehr zählen, wie oft er die Ausdrücke „¡Que bestia!“, „¡Que increible“, „¡Es un récord del mundo!“, „¡Woooow!“ und sogar „Juhuuuu“ verwendete…;-). Übrigens war bei all unseren Touren immer ein zweiter Guide, ein Huaorani, dabei, der dafür sorgte, dass wir uns nicht verliefen (was uns ohne ihn ganz sicher passiert wäre) und uns interessante Zusatzinformationen liefern konnte. Auch gekocht wurde von einem Huaorani und es war ein wahrer Gaumenschmaus, den wir im Dschungel nie erwartet hätten! Am letzten Tag besuchten wir auf dem Rückweg mit dem Kanu schliesslich eine Huaorani-Comunidad. Natürlich handelte es sich dabei um einen Clan von Huaorani, die bereits mit der Zivilisation Kontakt haben (diejenigen Gruppen, die das nicht wollen, kann man natürlich nicht besuchen) und für deren Mehrheit die uns vorgeführten Jagdmethoden und Lebensumstände auch nicht mehr Alltag sind, wobei sie aber für unsere Verhältnisse natürlich immer noch mehr als einfach leben. Wie bereits gesagt, kam der erste Kontakt mit der Aussenwelt in den 60er-Jahren statt und somit ist  die letzte Generation dieses Clans, die noch alle alten Traditionen und Lebensgewohnheiten kennt bereits ziemlich alt. Trotzdem war es interessant, an diesem Ort mitten im Urwald und dabei doch nicht mehr fern von aller Zivilisation zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass nur ein paar Kilometer entfernt das Gebiet der Tagaeri beginnt, die noch völlig traditionell und abgeschottet leben und diesen Lebensstil auf Leben und Tod verteidigen (gerade vor vier Monaten wurde jemand umgebracht, der in ihr Gebiet vorgedrungen war). So war die Zeit im Yasuní-Gebiet eine sehr interessante und, gegen Erwarten, sehr erholsame und wohltuende Zeit in der Natur, die wir zusammen mit Valentin und Priscila sehr genossen haben. Leider hatte die Reise einen bitteren Nachgeschmack, da Valentin danach hohes Fieber bekam, wobei zuerst Verdacht auf das Dengue-Fieber bestand. Wir wissen noch nicht genau, was es wirklich war, aber Valentin verbrachte mehrere Tage im Spital, währenddessen wir uns ziemlich Sorgen machten. Nun sind wir erleichtert, dass es ihm wieder etwas besser geht… 

Gleich nach unserer Rückkehr nach Coca nahmen Marco und ich den Nachtbus nach Quito und Valentin und Priscila fuhren nach Tena. Der Bus überwand etwa 2500 Höhenmeter bis nach Quito und es war mir einmal mehr recht, dass es dunkel war und ich etwas schlafen konnte, weil man so weniger auf die Geschwindigkeit des Busses und die haarsträubenden Manöver achtet. Nun hatten wir noch eineinhalb Tage, um Quito zu besichtigen und trafen es sowohl mit dem Wetter als auch mit dem Hostal ziemlich gut und genossen das Flanieren durch die Altstadt und den neueren Stadtteil sowie die Aussicht über Quito vom Hausberg Pichincha. Am 28. Februar flogen wir vom soeben neueingeweihten Flughafen Quitos (gelandet waren wir noch auf dem alten) zurück nach Panama City, wo wir den Nachtbus weiter nach David (und schliesslich nach Volcán) nahmen.

In den nächsten Tagen werden wir uns in Volcán etwas einleben und unsere Aufgaben bei OM genauer abklären.

 

 

 

 

 

 

 

  • Jan 02 2016 8:06 PMMaryellen: Wasap lads come play on server list for minecraft 1.8 with streamers
  • Mar 21 2013 9:18 AMSäräli: Hallo Ihr Liäbä, han äbä dä neui Bricht gläsä und es paar Fötälis vo Südamerka ahgluägät; umwerfend schön! Liäbschti Grüäss
  • Mar 15 2013 4:29 AMUrs: Schön, dass euch der Regenwald wieder losgelassen hat.:)
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